Hintergrundwissen

Warum hungern Familien in Kenia und Tansania?

Hunger beginnt nicht erst, wenn Lebensmittel fehlen. Reis, Maismehl, Bohnen oder Speiseöl sind auf den Märkten vorhanden – doch viele Familien können sich nicht genug davon leisten.

Mitarbeiterin übergibt Lebensmittelpakete an Frauen der Mülldeponie.

Steigende Lebensmittelpreise treffen auf geringe und unsichere Einkommen. Extreme Wetterereignisse verschärfen die Situation zusätzlich. Für Familien, die ohnehin mit sehr wenig Geld auskommen müssen, wird daraus schnell eine existenzielle Frage:

Was können wir heute noch kaufen – und reicht es, damit alle satt werden?

Hunger und Ernährungsunsicherheit haben deshalb selten nur eine Ursache. In Kenia und Tansania greifen Armut, hohe Lebensmittelpreise, unsichere Einkommen, Folgen extremer Wetterereignisse und globale Krisen ineinander.

FAO – Food insecurity

Hunger & Ernährungsunsicherheit auf einen Blick

Kenia

3,7 Mio. Menschen

in den untersuchten ariden und semiariden Gebieten sind von akuter Ernährungsunsicherheit betroffen*

Tansania

507.000 Menschen

in 30 untersuchten ländlichen Distrikten sind im Analysezeitraum von schwerer akuter Ernährungsunsicherheit betroffen.*

*Die Angaben beziehen sich auf die jeweils untersuchten Regionen und Analysezeiträume und nicht auf die gesamte Bevölkerung der Länder.

FAO – Kenya Country Brief FAO – Tansania Country Brief

Eine junge Frau wäscht Wäsche mit Baby auf dem Rücken – trotz Arbeit Not.

Wenn das Einkommen nicht für Lebensmittel reicht

Viele Menschen in Kenia und Tansania arbeiten im informellen Sektor und leben von kleinen und oft unsicheren Einkommen. Aus unserer Arbeit in den informellen Siedlungen kennen wir viele Familien, die von Tagelohn, Straßenhandel, Haushaltshilfe oder anderen Gelegenheitsarbeiten leben. Was sie an einem Tag verdienen, entscheidet häufig darüber, wie viel Essen sie für ihre Familie kaufen können.

Das Problem ist nicht allein die Höhe des Einkommens, sondern auch seine Unsicherheit. Gibt es an einem Tag keine Arbeit, fehlt dieses Geld auch für Lebensmittel. Rücklagen, mit denen sich solche Tage überbrücken lassen, sind kaum vorhanden.

ILO – Informal and Rural Economy in Kenya

Hohe Lebensmittelpreise treffen arme Familien besonders hart

Lebensmittel machen in Kenia einen erheblichen Teil des Haushaltskonsums aus. Nach Angaben des Kenya National Bureau of Statistics entfallen durchschnittlich 59,1 % des Haushaltskonsums auf Lebensmittel – in ländlichen Haushalten sogar 65,4 %.

Steigen die Preise, bleibt Familien mit geringem Einkommen kaum Spielraum. Was gestern noch für die wichtigsten Lebensmittel gereicht hat, reicht heute nicht mehr. Essen wird gestreckt, Mahlzeiten fallen ganz aus.

KNBS – Kenya Continuous Household Survey

des Haushaltskonsums auf Lebensmittel

durchschnittlich

59,1 %

in ländlichen Haushalten

65,4 %

Für Familien am Existenzminimum bedeuten steigende Lebensmittelpreise deshalb nicht einfach höhere Ausgaben – sondern weniger Essen.

Wenn zu wenig Regen kommt – oder zu viel

Dürre bedeutet Ernteausfälle. Doch auch das Gegenteil kann verheerend sein. Die globale Klimakrise verschärft Wetterextreme. In Ostafrika folgen auf schwere Dürren immer wieder heftige Regenfälle und Überschwemmungen. Kenia und Tansania sind davon besonders betroffen.

Viele Menschen leben von der Landwirtschaft. Fallen Ernten aus, verlieren Familien Lebensmittel für die eigene Versorgung und wichtige Einnahmen. Gleichzeitig wird das Angebot auf den Märkten knapper und Lebensmittel werden teurer.

IPCC – Chapter 9: Africa WFP – Kenya

Globale Krisen verschärfen Armut

Kriege, wirtschaftliche Verwerfungen und steigende Energie- und Rohstoffpreise machen nicht an Landesgrenzen halt. Sie verschlechtern auch in Kenia und Tansania die wirtschaftliche Lage – und treffen besonders hart jene Menschen, die bereits in Armut leben und kaum finanzielle Reserven haben.

Hunger raubt Kindern Gesundheit und Zukunft

Kinder leiden besonders unter Hunger und Mangelernährung. Eine unzureichende Versorgung mit Energie und wichtigen Nährstoffen beeinträchtigt ihre körperliche und geistige Entwicklung, schwächt das Immunsystem und erhöht die Anfälligkeit für Krankheiten.

Auch in der Schule hinterlässt Hunger Spuren. Hungrige und mangelernährte Kinder können sich schlechter konzentrieren und lernen.

Hunger nimmt Kindern damit ein Stück ihrer Kindheit – und Chancen für ihre Zukunft.

WHO – Malnutrition Fact sheet UNICEF – Nutrition

Armut erhöht die Gefahren für Mädchen

Für Mädchen hat existenzielle Armut zusätzliche Gefahren. Wirtschaftlicher Druck erhöht das Risiko einer Frühverheiratung – etwa, wenn eine Familie in der Heirat einer Tochter einen Ausweg aus ihrer Not sieht.

In manchen Gemeinschaften in Kenia und Tansania sind Frühverheiratung und weibliche Genitalverstümmelung (FGM) eng miteinander verbunden. FGM gilt dort als Übergang vom Mädchen zur Frau und teilweise als Voraussetzung für eine anschließende Heirat.

Damit kann wirtschaftliche Not Mädchen gleich mehrfach gefährden – besonders dort, wo Armut und fehlender Schutz zusammentreffen.

Mehr erfahren: Warum Mädchen besonderen Schutz brauchen

UNFPA – FGM Tanzania UNFPA – How am I expected to be a wife?

Akuter Hunger braucht sofortige Hilfe

Wenn einer Familie heute das Geld für Lebensmittel fehlt, zählt zuerst eines: genug zu essen für die Kinder und die ganze Familie.

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